Keine Nachrichten in dieser Ansicht.

Der Von-Willebrand-Faktor

Die Blutungsstillung

Die Blutungsstillung im Falle einer Gefäßverletzung besteht aus zwei Prozessen: der Plättchenthrombusbildung, auch primäre Hämostase genannt, und der Festigung dieses Thrombus (Pfropfes) durch die Bildung des biologischen Klebers Fibrin (sekundäre Hämostase, Blutgerinnung).

Die primäre Hämostase beginnt mit der Anheftung (Ädhäsion) der Thrombozyten (Blutplättchen) an die verletzte Stelle des Gefäßes. Anschließend kommt es durch Anlagerung (Aggregation) weiterer Thrombozyten zur eigentlichen Pfropfbildung, die zum lockeren Verschluss des Gefäßlecks führt. Sowohl die Anheftung als auch die Anlagerung der Thrombozyten wird durch den von-Willebrand-Faktor vermittelt, der dabei als Bindeglied zwischen verletzter Stelle (Kollagen) und Thrombozyten bzw. zwischen den Thrombozyten untereinander dient. Ein Mangel oder ein Defekt des von-Willebrand-Faktors (VWF) führt deshalb zu einer Störung der primären Hämostase und damit auch zu einer entsprechenden Blutungssymptomatik, da der Plättchenpfropf gar nicht oder nur unzureichend gebildet werden kann. Mit dem Kleber Fibrin wird der Plättchenpfropf gefestigt und mit der Gefäßwand verklebt, so dass er von der Blutströmung nicht mehr mitgerissen werden kann. Zur Blutgerinnung bzw. zur Bildung des Fibrins ist die Wechselwirkung einer Vielzahl von Eiweißen (Proteinen), sogenannten Gerinnungsfaktoren, z. B. Faktor VIII, erforderlich. Der VWF hat keine direkte Funktion in der Blutgerinnung, das heißt er ist zur Bildung des Fibrins nicht erforderlich. Der VWF dient jedoch nicht nur als Bindeglied in der Thrombozytenadhäsion und -aggregation, sondern er bindet auch an den Faktor VIII und schützt diesen so im Blut vor vorzeitigem Abbau. Während die übliche Halbwertszeit des Faktor VIII im Blut bei Anwesenheit des normalen VWF etwa 12-15 Stunden beträgt, ist sie bei Abwesenheit des VWF auf circa 2,5 Stunden drastisch verkürzt. Patienten, bei denen der VFW vollständig fehlt, weisen deshalb auch eine starke Verminderung des Faktor VIII auf, was zu Hämophilie-A-ähnlichen Symptomen führt. Der Mangel oder Funktionsdefekt des VWF stellt also keine Gerinnungsstörung dar, steht aber über die Wechselwirkung mit dem Faktor VIII in Bezug zur Gerinnung.

Der Von-Willebrand-Faktor zirkuliert im Blut nicht als ein einzelnes definiertes Molekül, sondern ist eine Mischung aus unterschiedlich großen Polymeren. Diese Polymere werden Multimere genannt und ergeben sich durch die wiederholte Verknüpfung des kleinsten im Plasma vorkommenden Willebrand-Moleküls, das wiederum aus zwei identischen Untereinheiten besteht und deshalb Willebrand-Dimer genannt wird.
In der folgenden Abbildung wird schematisch der Aufbau der Multimere gezeigt, wobei eine Dimereinheit durch zwei aneinandergrenzende Rechtecke symbolisiert wird.  

Das Molekulargewicht des größten Multimers beträgt etwa 20 Millionen. Damit stellen die Willebrand-Multimere die größten Moleküle im Plasma überhaupt dar. Die Bindungsstärke zu Kollagen und den Thrombozyten nimmt mit zunehmender Multimerengröße ebenfalls zu. Damit ist zu erklären, warum ein von-Willebrand-Faktor-haltiges Faktor-VIII-Konzentrat umso besser bei der Willebrand-Erkrankung wirkt, je höher der Anteil an großen Multimeren ist.